Das erste Jahr ohne dich
Warum ein Jahrestag kein Ende der Trauer sein muss
Von Verena Glass
Camiro. Foto: © Verena Glass
Ein Jahr. Wenn man es ausspricht, klingt es nach einer langen Zeit. Zwolf Monate, vier Jahreszeiten. Genug Zeit, um
sich an etwas zu gewohnen, konnte man meinen. Aber wie gewohnt man sich daran, dass jemand fehlt, der zum
eigenen Leben gehorte?
Nach dem Tod eines geliebten Tieres gibt es viele erste Male. Manche sieht man kommen. Andere bemerkt man
erst, wenn man schon mittendrin ist. Der erste Geburtstag ohne ihn. Der erste Urlaub, bei dem seine Sachen nicht
mit eingepackt werden. Der erste kalte Morgen, an dem man nicht mehr uberlegen muss, ob die Runde heute etwas
kurzer ausfallen sollte.
Wer mit einem Tier lebt, richtet viele Entscheidungen nach ihm aus, oft ohne es uberhaupt zu bemerken. Nach dem
Abschied begegnet einem diese Vertrautheit an ganz unterschiedlichen Stellen. Vielleicht fallt der erste Schnee und
mit ihm kommt die Erinnerung an die Begeisterung des Hundes. Oder an seine entschiedene Weigerung, bei diesem
Wetter auch nur eine Pfote vor die Tur zu setzen.
Das erste Jahr fuhrt durch solche Situationen hindurch. Du erlebst sie zum ersten Mal ohne dein Tier und erinnerst
dich gleichzeitig daran, wie sie mit ihm waren. Das kann einen Tag schwer machen, an dem niemand sonst einen
besonderen Anlass erkennt.
Wenn andere schon weiter sind
Fur Menschen im Umfeld liegt der Abschied irgendwann zuruck. Sie fragen seltener nach. Der Alltag hat neue
Themen, neue Sorgen, neue Termine. Vielleicht geht es dir selbst zwischendurch besser. Du arbeitest, lachst,
erledigst Dinge. Dann trifft dich eine Erinnerung unvermittelt und du fragst dich, warum es plotzlich wieder so weh
tut.
Gerade dann kann der Gedanke auftauchen, man musste inzwischen weiter sein. Ich finde diesen Gedanken schwer.
Er macht aus dem Vermissen noch eine Aufgabe, bei der man offenbar nicht schnell genug vorankommt. Dabei weiß
von außen niemand, welche Nahe dieses Tier gegeben hat und wie viel Sicherheit in seiner bloßen Anwesenheit lag.
Du darfst seinen Namen auch nach Monaten noch aussprechen. Du darfst erzahlen, was typisch fur ihn war. Und du
darfst jemanden bitten, dir zuzuhoren, ohne gleich eine Losung fur deine Traurigkeit zu suchen.
Erinnern darf auch schön sein
Meine Hunde Camiro und Loretta sind beide gestorben. Wenn ich an sie denke, mochte ich mich an ihre
Personlichkeiten erinnern konnen. An das, was sie unverwechselbar gemacht hat. An unser gemeinsames Leben.
Dazu gehort auch das Komische. Wer lange mit Hunden zusammenlebt, hat schließlich selten nur wurdevolle
Erinnerungen. Da gibt es eigenwillige Entscheidungen, erstaunliche Anspruche und Situationen, in denen man als
Mensch ziemlich sicher war, das Sagen zu haben. Der Hund sah das moglicherweise anders.
Uber so etwas zu lachen, kann sich nach dem Abschied zunachst seltsam anfuhlen. Eben war man noch traurig, jetzt
lacht man. Vielleicht kommen im nachsten Augenblick wieder Tranen. Fur mich gehort beides zu dieser Liebe. Ich
mochte uber Camiro und Loretta lachen durfen, weil wir auch miteinander ein schones und oft komisches Leben
hatten.
Aus dem Wunsch, diese Erinnerungen festzuhalten, entstand mein Buch „Als der Himmel nach Hund roch“. Beim
Schreiben habe ich mich wieder ihren Eigenheiten zugewandt. Den Geschichten, die ich weiter erzahlen mochte.
Vielleicht findest du dafur einen anderen Weg. Ein Foto mit ein paar handgeschriebenen Zeilen. Ein kleines Album
oder ein Erinnerungsstuck, das du gerne bei dir hast. Oder ein Gesprach mit jemandem, der dein Tier kannte und
eine Geschichte erzahlt, die du selbst beinahe vergessen hattest. Du musst daraus nichts Besonderes machen. Eine
Erinnerung darf einfach fur dich wichtig sein.
Camiro und Loretta. Foto: © Verena Glass
Der erste Jahrestag
Wenn sich der Todestag nahert, kann schon die Erwartung an diesen Tag schwer werden. Was werde ich fuhlen?
Mochte ich allein sein? Sollte ich etwas planen?
Du kannst dir vorher etwas uberlegen und am Tag selbst feststellen, dass du etwas anderes brauchst. Vielleicht
mochtest du eine Kerze anzunden, einen vertrauten Ort besuchen oder Fotos anschauen. Vielleicht mochtest du
arbeiten und erst am Abend einen stillen Moment haben.
Auch ein unspektakularer Jahrestag sagt nichts daruber aus, wie sehr du dein Tier geliebt hast. Du musst deine
Verbundenheit niemandem durch ein bestimmtes Ritual beweisen. Falls der Tag sehr schmerzt, bedeutet das nicht,
dass die vergangenen Monate vergeblich waren. Ein Datum kann vieles wieder nahebringen. Es darf ein schwerer
Tag sein, ohne dass du daraus ein Urteil uber deinen ganzen Weg machen musst.
Wenn wieder ein Tier ins Leben kommt
Heute lebt Nala an meiner Seite. Ich hatte nicht gedacht, dass ich wieder ein Tier so lieben konnte. Diese neue Liebe
uberrascht mich noch immer. Nala hat ihren eigenen Charakter und ihren eigenen Platz in meinem Leben.
Gleichzeitig gehoren Camiro und Loretta weiterhin zu meiner Geschichte. Ich vermisse sie und freue mich uber
Nala.
Falls irgendwann wieder ein Tier bei dir einzieht, darfst du herausfinden, wie sich diese Beziehung entwickelt. Es
muss sich nicht genauso anfuhlen wie fruher. Du lernst ein anderes Wesen kennen, mit anderen Gewohnheiten und
einer anderen Art, dir nahe zu sein.
Vielleicht mochtest du das bald. Vielleicht erst nach langer Zeit. Vielleicht mochtest du auch kein weiteres Tier. Aus
keiner dieser Entscheidungen lasst sich ablesen, wie groß deine Liebe war.
Was nach einem Jahr bleiben darf
Ein Jahr nach dem Abschied ist ein Jahr vergangen. Mehr sagt dieses Datum zunachst nicht. Vielleicht kannst du
inzwischen leichter von deinem Tier erzahlen. Vielleicht gibt es noch Erinnerungen, die du kaum aushaltst.
Vielleicht trifft beides zu.
Ich wunsche dir Menschen, bei denen du damit sein darfst. Die nach deinem Tier fragen und seinen Namen kennen.
Die verstehen, warum eine scheinbar kleine Erinnerung dich beruhrt. Und bei denen du auch eine schone
Geschichte erzahlen kannst, ohne dass sofort jemand besorgt schaut.
Du hast ein Wesen geliebt, mit dem du dein Leben geteilt hast. Diese gemeinsame Zeit bleibt wichtig, auch wenn
weitere Monate und Jahre dazukommen. Und wenn du heute noch vermisst, dann darf das heute so sein.
Über die Autorin
Verena Glass ist Autorin, Lektorin und Ghostwriterin aus Paderborn. In ihrem Buch „Als der Himmel nach Hund
roch“ hat sie Erinnerungen an ihre Hunde Camiro und Loretta festgehalten. Heute begleitet Nala ihren Alltag.
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Häufig gestellte Fragen
“ Lange saßen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht."
(Astrid Lindgren - Ronja Räubertochter)
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